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| Was ist die meistbesuchte Gegend Frankreichs?
Paris? Nein! Die Cote d‘ Azur? Auch nicht.
Vielleicht die französischen Alpen mit
ihren Schigebieten? Weit gefehlt! Die Bretagne
ist es, dieser nordwestlichste Zipfel Frankreichs,
der genau genommen eine Halbinsel ist. Die Besuchermassen
drängen sich demnach auch hauptsächlich
an den Stränden, die man zwischen den steilen
Felsenklippen suchen muss.
Sie kommen aber nicht aus Österreich,
Deutschland oder Skandinavien, es sind meist
Franzosen aus den Großstädten, die
die Sommerfrische in ihrer Nähe suchen.
Für andere Landsmänner bietet der
kühle Atlantik mit seinen frischen Winden
auch wenig Anreiz dazu. Reisebusse mit fremden
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Kennzeichen findet man eigentlich nur
auf den Parkplätzen vom Mont St. Michel
(der streng genommen ohnehin schon zur Normandie
gehört) oder dem ehemaligen Fischerort
St. Malo, wo auch die Fähren aus England
anlegen.
Auch uns interessieren die Strände
eher weniger, außerdem ist zur Zeit unseres
Besuchs erst Juni, wo es so und anders zu kalt
zum Baden ist. Wir haben etwas anderes im Sinn,
eine Reise ins Innere der Halbinsel nämlich,
zurück ins Mittelalter, in eine unwirkliche,
verwunschene Welt, in der es von Zauberern,
Hexen, Rittern, Riesen und anderen Fabelwesen
nur so wimmelt. Wir fahren von Ost nach West
quer durch die Bretagne, begleitet vom Zauberer
Merlin und den Rittern der Tafelrunde. |

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Broceliande
Die Metropole Rennes, die größte
Stadt der Bretagne und immerhin drittgrößte
Frankreichs, haben wir großräumig
umfahren und sind damit dem Verkehrsinfarkt
ausgewichen. Schon 40 Kilometer weiter westwärts
umgibt uns märchenhafte Einsamkeit, hier
liegt der Foret von Paimpont - die Restbestände
des sagenhaften Waldes Broceliande, der in der
Artussage eine tragende Rolle spielt. Nur mehr
10 % des einstigen Bestands, der früher
nahezu die ganze Halbinsel bedeckte, ist heute
erhalten. Der Rest wurde abgeholzt, zuerst um
landwirtschaftliche Nutzfläche zu schaffen,
später für den Schiffsbau und zum
Betrieb von Schmieden. Seinen heutigen Namen
hat der Wald vom kleinen Örtchen Paimpont,
in dem wir unsere Spurensuche starten. Paimpont
ist ein kleines, verschlafenes Nest, das aber
bereits ins mystische Bild passt: windschiefe
Häuser mit steilen, ziegelgedeckten Dächern,
die Wände von Unkraut überwuchert,
kaum Menschen zu sehen, dafür stehen Relikte
herum, die abergläubische Menschen abschrecken
könnten: Spinnweben zu Hauf, vor einer
Tür steht ein abgerissenes Bein eines Wildschweins,
noch dicht behaart, oben schaut der blutige
Knochen heraus. Skurriles Zeichen der mythischen
Vergangenheit, die hier – aus touristischen
Zwecken? – weiter gelebt wird.
Wir sind gut vorbereitet – die Artussage
ist ohnehin Inhalt vieler Bücher und Abenteuerfilme,
wir haben aber auch im Vorfeld viel Literatur
aufgesaugt, die sich eher wissenschaftlich mit
dem Thema beschäftigt. So wissen wir bereits,
dass sich die Legende auf die Zeit um 500 nach
Christus zurückführen lässt,
als sich die Angeln vor den anstürmenden
Sachsen von der britischen Insel aufs Festland,
in die Bretagne eben, zurückziehen mussten.
In der ältesten überlieferten Quelle,
der Historia Brittonum („Geschichte der
Briten“), taucht Artus erstmals als Heerführer
auf. Konkreter wird der Geistliche Geoffrey
von Monmouth, der die Gestalt nach dem Einfall
der Bretonen im Jahr 1066 weiter verklärte.
Den Sagenkönig, wie wir heute kennen, schuf
aber der normannische Dichter Wace, der die
Sage ins Französische (in Reimform) übernahm
und sie um wesentliche Bestandteile wie die
Tafelrunde, den Zauberer Merlin, das Schwert
Excalibur oder die Insel Avalon anreicherte.
Und ebendort befinden wir uns gerade: bei Comper,
wo Viviane lebte, die Herrin vom gleichnamigen
See. Ihr verfiel der Zauberer Merlin, der tief
im See einen gläsernen Palast für
sie baute, der auch eine Schmiede beinhaltete.
Dort entstand das Zauberschwert Excalibur, das
durch Lancelot an König Artus übergeben
wurde. Lancelot ist der Ziehsohn Vivianes, der
von seinen leiblichen Eltern, König Ban
von Benwick und seiner Gemahlin Elaine nach
einer verlorenen Schlacht an den Ufern des Sees
zurück gelassen wurde. Merlin benutzte
ihn, um an seinen Schutzbefohlenen Artus das
Schwert zu übergeben, konnte aber nicht
ahnen, dass er diesen dafür mit dessen
Frau Guinevere betrügen würde. Auch
der Zauberer selbst fiel einem Betrug zum Opfer,
Viviane entlockte ihm das Geheimnis seiner Zauberkraft
und verbannte ihn anschließend auf Lebenszeit
in eine Weißdornhecke, die heute noch
am Ufer des kleinen, stillen Sees im Schatten
einer Schloßruine blüht. |

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| Greifbarer ist aber der Tumulus, ein Steingrab,
das ebenfalls Merlin zugeschrieben wird. Überhaupt
gibt es in der Bretagne gleich sechs (!) Gräber,
in denen er begraben liegen soll. Der Mann muss
sogar bei seinem Tod wahre Wunderkräfte
gehabt haben! Daran glauben auch die Kinder
der Schulklassen, die in Scharen den kleinen
Steinhügel besuchen, der von einem windschiefen
Zaun eingegrenzt wird. Sie stecken kleine Zettelchen
in die Ritzen der übereinander gehäuften
Felsen, worauf sie ihre Wünsche an den
Zauberer niedergeschrieben haben. Wir hoffen
aus egoistischen Gründen, dass seine magischen
Kräfte mittlerweile nicht mehr so wirksam
sind, denn bei der Quelle von Barenton soll
es genügen, etwas Wasser daraus über
einen Stein zu gießen, der „die
Treppe des Merlin“ heißt, um es
regnen zu lassen! Viele machen das, wir wollen
aber schönes Wetter für unseren Urlaub
haben!
Foret Tonquedec
In der Umgebung gibt es noch viele weitere
mystische Orte, wie zB. die Guillotineeiche,
ein hohler Baum mit mächtigem Umfang, in
dem bis zu 10 Personen ein Versteck gefunden
haben, das Haus der Viviane, ein von Merlin
errichtetes Druidengrab, das angeblich nur für
die sichtbar war, die darin gewohnt haben, oder
das Tal ohne Wiederkehr, wo die Fee Morgane
ihre untreuen Liebhaber gefangen hielt und von
einem Riesen bewachen ließ. Alles sehr
gruselig, weshalb wir weiterfahren, was die
Sache aber auch nicht besser macht. Denn zuerst
kommen wir immer tiefer in den Foret Tonquedec,
vorbei an Burgen und Ruinen, die auf unseren
Karten und Reiseführern nicht einmal eingezeichnet
sind, vorbei an Tümpeln und Sümpfen,
die morastig braun schimmern und wo man massig
Steingräber unter alten Eichen findet.
Erst beim Wasserschloss Tressecon wird der Wald
lichter und wir haben nicht mehr das Gefühl,
ständig wispernde Stimmen und klappernde
Hufe zu hören, oder in jedem Vogel einen
verwunschenen Zauberer zu vermuten.
Bei unserer Weiterfahrt kommen wir an einem
Dolmen vorbei, einem Hühnengrab, wie wir
es aus unserem wohl besten Reiseführer
kennen, der von Rene Goscinny geschrieben und
Albert Uderzo gezeichnet wurde: Asterix, der
Gallier. Dieser berühmteste aller Comichelden
lebte ja in der Bretagne, die damals noch Armorika
hieß. Armor ist keltisch und steht für
„Land am Wasser“. Wir hingegen befinden
uns gerade in Argoat, was soviel wie „Land
des Waldes“ heißt. Stammesfürsten
und andere gewichtige Persönlichkeiten
wurden in der Jungsteinzeit nicht am Wasser
beerdigt, sondern im Wald. Über dem Grab
wurden einige Menhire (das sind ovale Steine,
so wie sie Obelix als Hinkelsteine im Comic
schleppt)so aufgerichtet und angeordnet, dass
darüber ein größerer, flacher
wie eine Tischplatte gelegt werden konnte. Menhir
ist auch ein keltisches Begriff und setzt sich
zusammen aus „men = Stein“ und „hir
= lang“. |

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Enclose Parroissiaux
Eine etwas längere Etappe bringt uns
zu unserem nächsten Ziel und in eine andere
Ära. Im Nordwesten der Halbinsel liegt
das Departement Finister (das bedeutet „Ende
des Landes“). Hier findet man die umfriedeten
Pfarrbezirke (auf französisch „Enclose
Parroissiaux“), Ausdruck der tiefen Frömmigkeit
der Bretonen im 16ten und 17ten Jahrhundert.
So ein Pfarrbezirk besteht aus einem bestimmten
Ensemble von Granitbauten: eine kleine, oft
geduckte Kirche, ein Beinhaus, vor der Kirche
ein „Calvair“, ein Kalvarienberg
mit figürlichen Darstellungen aus der Passionsgeschichte,
drum herum ein Friedhof, das ganze eingezäunt
von einer Steinmauer mit einem Durchgangsportal.
So einen Calvair darf man sich aber nicht wie
bei uns als einen Berg mit Kapellen darauf vorstellen,
vielmehr handelt es sich um ein steinernes Monument,
auf dem die Figuren reliefhaft oder als Vollplastik
heraus gemeißelt wurden. Obenauf ragen
die drei Kreuze von Jesus und den zwei Schächern
hoch empor in den (oft bewölkten) bretonischen
Himmel. Weil der harte Granit naturgemäß
sehr schwer zu bearbeiten ist, sind die Figuren
meist sehr einfach, aber dennoch ausdrucksstark
ausgeführt.
Wir haben uns vorgenommen, zwei der bekanntesten
Calvairs zu besuchen. Zuerst parken wir gleich
in der Nähe des Pfarrhofs von St. Thegonnec.
Der Ort ist nach einem walisischen Mönch
benannt. Was uns zuerst auffällt, ist die
absolute Menschenleere auf den Straßen.
Der Himmel ist zwar wolkenverhangen, aber es
regnet nicht einmal. Ist ein Meteorit angekündigt?
Haben wir etwas in den Nachrichten versäumt?
Aber wir werden es gleich später am Tag
auch in Gumiliau bemerken – tote Hose
in den Pfarrbezirken!
Dafür herrscht auf dem Calvair drangvolle
Enge. Vierzig Figuren drängen sich auf
dem Sockel, der zwar schmal gebaut, dafür
hoch aufragend ist. Die Kreuzigungsszene befindet
sich auf drei hohen, schmalen Säulen weit
über unseren Köpfen. Prunkvoller ist
das Triumphtor, das wir durchschreiten mussten,
um in den umfriedeten Bereich zu gelangen. Einzig
aus dem Beinhaus, das als Souvenir- und Devotionalienladen
zweckentfremdet wurde, beobachtet uns der Verkäufer
misstrauisch. Wir müssen ihn enttäuschen,
wir haben unseren Obulus im Cafe gegenüber
des Eingangsportal entrichtet …
Auch in Guimiliau haben wir keinerlei Probleme,
einen Parkplatz gleich gegenüber des Pfarrbezirks
zu finden. Auch hier dasselbe Bild: die Fassaden
der Steinhäuser in den Gassen zwar romantisch
blumengeschmückt, aber menschenleer, ebenso
der Innenhof vor der Kirche. Lediglich ein Kleinkind
krabbelt in der Wiese, ganz in ein stilles Spiel
vertieft. Eltern sind keine zu sehen, sie kommen
aber wenig späte aus der Kirche und verlassen
das Areal. So sind wir alleine und haben genug
Muse, den Calvair zu betrachten, zwar nur der
zweitgrößte in der Bretagne, aber
mit 200 Figuren der „belebteste“.
Er stammt aus dem 15ten Jahrhundert und ist
damit beträchtlich älter als der aus
dem 17ten Jhdt. von St. Thegonnec . Aus der
Figurengruppe ragt nur eine Säule empor,
auf dem das Kreuz steht. Die Kirche St. Miliau
dahinter wurde später erbaut als der Calvair,
sie ist zweischiffig erbaut und breit, aber
sehr niedrig. Gleich zwei Altäre im Barockstil
schmücken die Renaissancehalle. Wie in
den meisten Kirchen der Bretagne ist sie überreich
mit Holzschnitzereien ausgestattet, besonders
der Predigtstuhl und das Taufbecken fallen uns
ins Auge.
Eigentlich wollten wir es bei dem Besuch von
zwei Enclose Parroissiaux’s belassen,
bei einem dritten kommen wir aber zufällig
vorbei. In Pleyben fahren wir direkt am Pfarrbezirk
vorbei, der größer als die beiden
anderen zusammen ist. Er steht inmitten eines
großen, gepflasterten Platzes mit einem
Parkplatz, den wir sowieso ansteuern müssen,
weil wir noch etwas anderes entdeckt haben:
eine Schokoladenfabrik, die in einem kleinen
Laden Bruchstücke zur Verkostung und zum
Kauf anbietet. Eine Versuchung, der wir uns
hemmungslos hingeben und dabei die Melancholie
vergessen, die uns beim Anblick der tief trauernden
Figuren auf dem Calvair befallen hat! |

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| Huelgoat
Etwas lebhafter geht es im Sommerfrischeort
Huelgoat zu. Die Cafes sind voll, die Leute
sitzen und genießen die wiedergekehrte
Sonne, Cider und Crepes. Letztere sind dünne
Pfannkuchen, Omeletts, die es in verschiedenen
Geschmacks-richtungen gibt: süß oder
sauer, mit Marmelade, Nüssen oder Schinken,
Ei, Käse und sogar mit Muscheln und anderen
Meeresfrüchten! So gestärkt brechen
wir zu unserer Wanderung in den Foret de Huelgoat
auf, der ebenso wie der von Paimpont ein Überrest
des alten Broceliande ist. Daher erzählt
man sich hier die gleichen Geschichten von Merlin
und den Rittern der Tafelrunde, von denen auch
einige hier begraben liegen sollen. Noch heute
soll bei Morgennebel die Fee Dahud durchs Gelände
huschen, auf der Suche nach Liebhabern, die
sie anschließend in eine tiefe Schlucht
stößt. Vor der Teufelsgrotte sollen
99 hübsche Mädchen vorbei kommende
Ritter mit süßem Wein becirct und
sie dann für ewig in der Grotte eingesperrt
haben. Weiters der Wackelstein, ein Liebespfad,
und der Silberfluss erinnert daran, dass früher
Edelmetall abgebaut wurde.

Auch ohne die alten Sagen gerät die Wanderung
zu einem pittoresken Erlebnis, dafür sorgt
die eigenartige Topografie des Waldes. Die Wege
führen nämlich durch unzählige
verstreut herumliegende Felsbrocken in Hausgröße,
man könnte meinen, ein herumstreunendes
Riesenbaby hätte hier einen Sack voll Riesenmurmeln
verloren! Dazu kommt noch, dass die Felsen allesamt
mit Moss überwuchert sind, und Bäume
scheinen direkt aus dem Stein herauszuwachsen!
Eine unheimliche Gegend, die Sonnenstrahlen,
die wie durch das Laub der Bäume gefiltert
nur spärlich den Weg beleuchten, tun ein
ihres dazu. Wir müssen daran denken, dass
in dieser Gegend der „Ankou“ sein
Unwesen treibt, der bretonische Sensenmann,
der mit seinem quietschenden Karren umherzieht
und verlorene Seelen einsammelt. Zum Glück
kommt der aber nur nachts, und dient vermutlich
hauptsächlich dazu, um unfolgsame Kinder
zu erschrecken. |


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Locronan
Je näher wir der Küste kommen,
desto mehr Menschen, aber auch andere Reisende
treffen wir. Besonders ausgeprägt ist
der Tourismus im kleinen Mittelalterstädtchen
Locronan. Hier dürfen nur Einheimische
in den Ort einfahren, Besucher werden auf
einen von mehreren Parkplätzen verbannt.
Dort werden sie mit einem Parkschein beklebt,
der gleich fürs ganze Jahr gilt! Das
relativiert zwar die Höhe der Parkgebühr,
ist für einen, der nur zu einem einmaligen
Besuch gekommen ist, dennoch schmerzhaft.
Wir haben Glück, wir haben in der Nähe
eine Ferienwohnung auf einem abgelegenen Bauernhof
gemietet und kommen eben mehrmals!
Ganz egal, von welcher Seite man Locronan
betritt, man glaubt sich sofort um ein paar
Jahrhunderte zurückversetzt. Einziger
Hinweis auf die Gegenwart sind ein paar Werbeschilder
auf den Häusern und das eine oder andere
Auto davor. Der Name bedeutet „Einsiedelei
des Ronan“ und erinnert an den heiligen
Ronan, der zwischen 6ten und 9ten Jahrhundert
aus Irland hierherkam, und angeblich die Einheimischen
das Weben gelehrt haben soll. Mit der Herstellung
von feinem Tuch begründete sich auch
der Reichtum des kleinen Städtchens,
in dem auch heute noch nicht mehr als knapp
1000 Einwohner leben. Nach dem heiligen Ronan
ist auch die Kirche benannt, die völlig
zentral sich aus einem Platz erhebt, der ausschließlich
von Granitsteinhäusern umgeben ist. Auch
ihr Inneres ist mit wertvollen und künstlerischen
Holzarbeiten ausgestattet. Interessanter ist
aber das Granitgrabmal des heiligen Ronan:
als Halbrelief abgebildet ruht seine Statue
auf einer Platte, die von sechs Säulen
in Form von Engeln getragen wird. Eine Legende
besagt, dass Frauen, die auf allen Vieren
unter dem Grabmal durchrutschen, mit baldigem
Kindersegen rechnen dürfen. Wir bemerken,
dass sich unter den Durchkriechenden auch
einige nicht mehr ganz jugendliche, schon
sehr weißhaarige Damen befinden. Wenn
es tatsächlich bei denen noch einschlägt,
dann war der gute Ronan wirklich ein wahrer
Wunderwuzi!
Eine Miniatur des Ronan kann man zusammen
mit denen anderer Heiliger, Engeln und Marienstatuen
bei einem Devotionalienhändler direkt
am Kirchenplatz kaufen, der seine buntbemalte
Ware aus Holz des schönen Wetters wegen
einfach ins Freie vor den Laden verfrachtet
hat. Viele weiter kleine Läden in der
Umgebung bieten Antiquitäten, Souvenirs,
Kunsthandwerksstücke, natürlich
Segeltuch, aber auch Bier, Wein und Spirituosen
an. Auf ausgestellten Postkarten kann man
erkennen, dass in der Sommersaison hier sicherlich
ein ganz anderer Andrang herrscht als bei
unserem Besuch im Juni! Wir haben jedenfalls
keine Mühe, einen Platz in einem Cafe
zu finden, das auf dem Kirchplatz ein paar
Tische und Stühle aufgestellt hat. Am
Nebentisch nimmt ein Einheimischer Platz,
der aus dem Korb des Fahrrads, das er gerade
an einer Hauswand angelehnt hat, einen jungen
Raben herausholt. Er dürfte beim Personal
bekannt sein, denn kaum hat er Platz genommen
und den Vogel auf dem Tisch abgesetzt, wird
ihm schon eine Flasche Wein und ein Glas Wasser
serviert. Mit einer kleinen Spritze füttert
er den Raben mit dem Wasser aus dem Glas.
Wir hoffen, dass es Wasser ist, weil das schwarze
Federvieh nach dem Trinken einen heftigen
Veitstanz aufführt!
Den Abend verbringen wir in einer kleinen
Bar, die sich Sportcafe nennt. Im Fernsehen
wird gerade ein Fußball Europameisterschaftsspiel
übertragen, bei dem sich die Franzosen
nicht gerade mit Ruhm bekleckern und überraschend
frühzeitig ausscheiden. Die Einheimischen
nehmen es gelassen, überhaupt ist uns
aufgefallen, dass kaum einer das Spiel beobachtet
hat. Ich frage Yannick, den glatzköpfigen
Besitzer und gleichzeitig Kellner des Cafes
nach dem Desinteressiere. „warum sollte
es uns interessieren“ klärt mich
Yannick auf „wir spielen ja nicht mit“.
Die Bretonen selbst sehen sich nämlich
keinesfalls als Franzosen, und das Nationalbewusstsein
wächst weiter. Hatte die Französische
Sprache das bretonische schon beinahe völlig
verdrängt, sprechen heute über eine
halbe Millionen wieder den alten Dialekt.
Bretonisch wird im Schulunterreicht als Wahlfach
angeboten, auch viele Ortstafeln sind zweisprachig
angeschrieben. Das Bretonische ist eine Form
des Britannisch/Keltischen, man findet es
in vielen Bezeichnungen wieder. So heißt
der Fluss „Aven“, der Wald „Coat“,
ein Dorf „Ker“ und ein Fels „Roc’h“.
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| Die Westküste
„Beg“ heißt ein Kap. „Beg
ar Penhir“ heißt das Kap, das auf
unserer Karte als „Pointe de Penhir“
ausgewiesen ist. Wir erreichen hier nach unserer
Fahrt quer durch das Land erstmals das Meer,
sehen tief hinunter von den Klippen, stemmen
uns dem heftig anbrüllenden Atlantikwind
entgegen und spüren das Salz auf unseren
Lippen. Die Pointe de PenHir sind mit einer
Höhe von 70 Metern die höchsten Klippen
auf der Halbinsel Crozon ganz im Westen der
Bretagne. Hier treffen wir auch die Fee Dahud
wieder, der wir schon im Wald von Huelgoat begegnet
sind. Sie ist die Tochter des Königs Gradlon,
dessen Reich Ys hier unterhalb der Halbinsel
in der Bucht von Duarnenez lag. Jede Nacht verführte
die Schöne einen Liebeshungrigen, um ihn
anschließend zu ermorden und in eine Schlucht
zu werfen – bis eines Tages der Teufel
ihr Liebhaber war. Er nahm ihr den goldenen
Schlüssel, mit dem man die Schleusentore
öffnen konnte, woraufhin Ys in den Fluten
versank. Dahud ertrank wie ihr Vater und alle
anderen Bewohner, treibt seitdem aber als Meerjungfrau
ihr Unwesen, und schwimmt jede Nacht durch einen
unterirdischen Fluss zurück in den Wald
von Huelgoat.

Auch um die „Tas de Pois“, drei
gewaltige Felsen, die „Erbsenhaufen“
genannt werden, ranken sich Sagen. Sie ragen
vor dem Kap aus dem Meer, der Teufel persönlich
soll sie ins Wasser geworfen haben. Es ist unmöglich,
diese Felsen zu erreichen, nur riesige Seemöven
bevölkern sie in Maßen. Eine dieser
Segler ist außer uns der einzige Besucher
am Cap an diesem Tag. Sie ist eher neugierig
als scheu, hat sich ganz in unserer Nähe
auf einem Stein niedergelassen, und so beobachten
wir uns gegenseitig aus nächster Nähe.
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Wir verabschieden uns aber bald, denn wir
wollen noch andere Klippen besuchen. Vorbei
an Duarnenez und dem kleinen, romantisch auf
einem Hügel gelegenen Pont Croix erreichen
wir das Cap Sizun bzw. die Klippen Point du
Van. Oberhalb der Klippen steht eine kleine
Kapelle mit Namen St. They. Hier haben früher
die Frauen der Fischer um gnädige Winde,
einen reichen Fang und gesunde Rückkehr
ihrer Männer gebetet. Für letzteres
sollten auch die Leuchttürme sorgen, die
man rund um die Bretagne vorfindet. Auf jeder
Klippe, jedem Riff, jeder Untiefe wurde einer
errichtet. Zwischen 20 und 80 Meter hoch sind
diese runden Bauten aus Stein, die bei hohem
Wellengang trotzdem nahezu vom Meer verschluckt
werden, wie man auf Postkarten und Postern in
den Souvenirläden sehen kann. Trotzdem
kam es immer wieder zu Unfällen. Die letzte
Katastrophe geschah 1978, als der Riesentanker
Amoco Cadiz auf einen bis dahin unbekannten
Felsen auflief und versank. Anderthalb Millionen
Barrel Rohöl liefen damals ins Meer und
verschmutzen die Küste, tausende Vögel
verendeten, ebensovile Fischer sahen ihre Existenz
gefährdet. Es hat lange gedauert, bis die
Schäden beseitigt wurden und die Versicherungen
bezahlt haben …
Das alles erfahren wir im Informationszentrum
an der Pointe Du Raz. Dort hören wir auch
vom Leben der Leuchtturmwärter, das wenig
Romantisches zu bieten hatte. Mit Körben
wurden sie von Schiffen aus auf den Felsen hinüber
geseilt, wo sie jeweils 20 Tage Dienst tun mussten.
Immer 2 Mann teilten sich in 6 Stunden Schichten,
hatten also nie Gelegenheit, auch nur ein kurzes
Schwätzchen zu halten, denn von ihrer Wachsamkeit
hing das Leben von vielen Seeleuten ab. 2004
wurden die letzten Leuchtturmwärter in
Pension geschickt, seitdem ist alles elektrisch
gesteuert und vollautomatisiert.
Vom Zentrum geht man ca. einen Kilometer durch
steiniges, unfruchtbares Gelände zu den
72 Meter hohen Klippen. Früher war die
Gegend von einer dünnen Schicht Erde und
spärlicher Vegetation bedeckt, die unzähligen
Touristen, die im Sommer hier herumlaufen, haben
aber alles zertrampelt. Deswegen darf man jetzt
nur mehr auf abgesperrten Wegen wandern und
die Klippen nur mehr in der Nähe des modernen
Leuchtturms betreten, der die zwei Urahnen abgelöst
haben, die wir auch vom benachbarten Pointe
du Van aus schon gesehen haben. Erst hier auf
der Klippe spürt man die immense Kraft
des Windes so richtig, gnadenlos zerrt er an
der Kleidung, prüft die Standhaftigkeit
seiner Opfer, traktiert sie mit feinen Nadelstichen,
die in Wirklichkeit nur Wasserspritzer sind.
Wie muss es da erst bei Sturm sein, kann man
dem Wüten des Windes überhaupt standhalten?
Hier am Cap Sizun endet unsere Fahrt quer
durch die Bretagne, aber es beginnen unsere
Ausflugsfahrten an die Nord- und Ostküste,
an Badestrände und weitere Felsküsten,
zu den Alignements von Carnac, in historische
Städte wie Quimper und Morlaix –
genug Stoff für eine andere Geschichte,
ein anderes mal. |

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Text und
Fotos: Hannes Denzel
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