Was ist die meistbesuchte Gegend Frankreichs? Paris? Nein! Die Cote d‘ Azur? Auch nicht. Vielleicht die französischen Alpen mit ihren Schigebieten? Weit gefehlt! Die Bretagne ist es, dieser nordwestlichste Zipfel Frankreichs, der genau genommen eine Halbinsel ist. Die Besuchermassen drängen sich demnach auch hauptsächlich an den Stränden, die man zwischen den steilen Felsenklippen suchen muss.

Sie kommen aber nicht aus Österreich, Deutschland oder Skandinavien, es sind meist Franzosen aus den Großstädten, die die Sommerfrische in ihrer Nähe suchen. Für andere Landsmänner bietet der kühle Atlantik mit seinen frischen Winden auch wenig Anreiz dazu. Reisebusse mit fremden

Kennzeichen findet man eigentlich nur auf den Parkplätzen vom Mont St. Michel (der streng genommen ohnehin schon zur Normandie gehört) oder dem ehemaligen Fischerort St. Malo, wo auch die Fähren aus England anlegen.

Auch uns interessieren die Strände eher weniger, außerdem ist zur Zeit unseres Besuchs erst Juni, wo es so und anders zu kalt zum Baden ist. Wir haben etwas anderes im Sinn, eine Reise ins Innere der Halbinsel nämlich, zurück ins Mittelalter, in eine unwirkliche, verwunschene Welt, in der es von Zauberern, Hexen, Rittern, Riesen und anderen Fabelwesen nur so wimmelt. Wir fahren von Ost nach West quer durch die Bretagne, begleitet vom Zauberer Merlin und den Rittern der Tafelrunde.

Broceliande

Die Metropole Rennes, die größte Stadt der Bretagne und immerhin drittgrößte Frankreichs, haben wir großräumig umfahren und sind damit dem Verkehrsinfarkt ausgewichen. Schon 40 Kilometer weiter westwärts umgibt uns märchenhafte Einsamkeit, hier liegt der Foret von Paimpont - die Restbestände des sagenhaften Waldes Broceliande, der in der Artussage eine tragende Rolle spielt. Nur mehr 10 % des einstigen Bestands, der früher nahezu die ganze Halbinsel bedeckte, ist heute erhalten. Der Rest wurde abgeholzt, zuerst um landwirtschaftliche Nutzfläche zu schaffen, später für den Schiffsbau und zum Betrieb von Schmieden. Seinen heutigen Namen hat der Wald vom kleinen Örtchen Paimpont, in dem wir unsere Spurensuche starten. Paimpont ist ein kleines, verschlafenes Nest, das aber bereits ins mystische Bild passt: windschiefe Häuser mit steilen, ziegelgedeckten Dächern, die Wände von Unkraut überwuchert, kaum Menschen zu sehen, dafür stehen Relikte herum, die abergläubische Menschen abschrecken könnten: Spinnweben zu Hauf, vor einer Tür steht ein abgerissenes Bein eines Wildschweins, noch dicht behaart, oben schaut der blutige Knochen heraus. Skurriles Zeichen der mythischen Vergangenheit, die hier – aus touristischen Zwecken? – weiter gelebt wird.

Wir sind gut vorbereitet – die Artussage ist ohnehin Inhalt vieler Bücher und Abenteuerfilme, wir haben aber auch im Vorfeld viel Literatur aufgesaugt, die sich eher wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt. So wissen wir bereits, dass sich die Legende auf die Zeit um 500 nach Christus zurückführen lässt, als sich die Angeln vor den anstürmenden Sachsen von der britischen Insel aufs Festland, in die Bretagne eben, zurückziehen mussten. In der ältesten überlieferten Quelle, der Historia Brittonum („Geschichte der Briten“), taucht Artus erstmals als Heerführer auf. Konkreter wird der Geistliche Geoffrey von Monmouth, der die Gestalt nach dem Einfall der Bretonen im Jahr 1066 weiter verklärte. Den Sagenkönig, wie wir heute kennen, schuf aber der normannische Dichter Wace, der die Sage ins Französische (in Reimform) übernahm und sie um wesentliche Bestandteile wie die Tafelrunde, den Zauberer Merlin, das Schwert Excalibur oder die Insel Avalon anreicherte.

Und ebendort befinden wir uns gerade: bei Comper, wo Viviane lebte, die Herrin vom gleichnamigen See. Ihr verfiel der Zauberer Merlin, der tief im See einen gläsernen Palast für sie baute, der auch eine Schmiede beinhaltete. Dort entstand das Zauberschwert Excalibur, das durch Lancelot an König Artus übergeben wurde. Lancelot ist der Ziehsohn Vivianes, der von seinen leiblichen Eltern, König Ban von Benwick und seiner Gemahlin Elaine nach einer verlorenen Schlacht an den Ufern des Sees zurück gelassen wurde. Merlin benutzte ihn, um an seinen Schutzbefohlenen Artus das Schwert zu übergeben, konnte aber nicht ahnen, dass er diesen dafür mit dessen Frau Guinevere betrügen würde. Auch der Zauberer selbst fiel einem Betrug zum Opfer, Viviane entlockte ihm das Geheimnis seiner Zauberkraft und verbannte ihn anschließend auf Lebenszeit in eine Weißdornhecke, die heute noch am Ufer des kleinen, stillen Sees im Schatten einer Schloßruine blüht.

Greifbarer ist aber der Tumulus, ein Steingrab, das ebenfalls Merlin zugeschrieben wird. Überhaupt gibt es in der Bretagne gleich sechs (!) Gräber, in denen er begraben liegen soll. Der Mann muss sogar bei seinem Tod wahre Wunderkräfte gehabt haben! Daran glauben auch die Kinder der Schulklassen, die in Scharen den kleinen Steinhügel besuchen, der von einem windschiefen Zaun eingegrenzt wird. Sie stecken kleine Zettelchen in die Ritzen der übereinander gehäuften Felsen, worauf sie ihre Wünsche an den Zauberer niedergeschrieben haben. Wir hoffen aus egoistischen Gründen, dass seine magischen Kräfte mittlerweile nicht mehr so wirksam sind, denn bei der Quelle von Barenton soll es genügen, etwas Wasser daraus über einen Stein zu gießen, der „die Treppe des Merlin“ heißt, um es regnen zu lassen! Viele machen das, wir wollen aber schönes Wetter für unseren Urlaub haben!

Foret Tonquedec

In der Umgebung gibt es noch viele weitere mystische Orte, wie zB. die Guillotineeiche, ein hohler Baum mit mächtigem Umfang, in dem bis zu 10 Personen ein Versteck gefunden haben, das Haus der Viviane, ein von Merlin errichtetes Druidengrab, das angeblich nur für die sichtbar war, die darin gewohnt haben, oder das Tal ohne Wiederkehr, wo die Fee Morgane ihre untreuen Liebhaber gefangen hielt und von einem Riesen bewachen ließ. Alles sehr gruselig, weshalb wir weiterfahren, was die Sache aber auch nicht besser macht. Denn zuerst kommen wir immer tiefer in den Foret Tonquedec, vorbei an Burgen und Ruinen, die auf unseren Karten und Reiseführern nicht einmal eingezeichnet sind, vorbei an Tümpeln und Sümpfen, die morastig braun schimmern und wo man massig Steingräber unter alten Eichen findet. Erst beim Wasserschloss Tressecon wird der Wald lichter und wir haben nicht mehr das Gefühl, ständig wispernde Stimmen und klappernde Hufe zu hören, oder in jedem Vogel einen verwunschenen Zauberer zu vermuten.

Bei unserer Weiterfahrt kommen wir an einem Dolmen vorbei, einem Hühnengrab, wie wir es aus unserem wohl besten Reiseführer kennen, der von Rene Goscinny geschrieben und Albert Uderzo gezeichnet wurde: Asterix, der Gallier. Dieser berühmteste aller Comichelden lebte ja in der Bretagne, die damals noch Armorika hieß. Armor ist keltisch und steht für „Land am Wasser“. Wir hingegen befinden uns gerade in Argoat, was soviel wie „Land des Waldes“ heißt. Stammesfürsten und andere gewichtige Persönlichkeiten wurden in der Jungsteinzeit nicht am Wasser beerdigt, sondern im Wald. Über dem Grab wurden einige Menhire (das sind ovale Steine, so wie sie Obelix als Hinkelsteine im Comic schleppt)so aufgerichtet und angeordnet, dass darüber ein größerer, flacher wie eine Tischplatte gelegt werden konnte. Menhir ist auch ein keltisches Begriff und setzt sich zusammen aus „men = Stein“ und „hir = lang“.


 

Enclose Parroissiaux

Eine etwas längere Etappe bringt uns zu unserem nächsten Ziel und in eine andere Ära. Im Nordwesten der Halbinsel liegt das Departement Finister (das bedeutet „Ende des Landes“). Hier findet man die umfriedeten Pfarrbezirke (auf französisch „Enclose Parroissiaux“), Ausdruck der tiefen Frömmigkeit der Bretonen im 16ten und 17ten Jahrhundert. So ein Pfarrbezirk besteht aus einem bestimmten Ensemble von Granitbauten: eine kleine, oft geduckte Kirche, ein Beinhaus, vor der Kirche ein „Calvair“, ein Kalvarienberg mit figürlichen Darstellungen aus der Passionsgeschichte, drum herum ein Friedhof, das ganze eingezäunt von einer Steinmauer mit einem Durchgangsportal. So einen Calvair darf man sich aber nicht wie bei uns als einen Berg mit Kapellen darauf vorstellen, vielmehr handelt es sich um ein steinernes Monument, auf dem die Figuren reliefhaft oder als Vollplastik heraus gemeißelt wurden. Obenauf ragen die drei Kreuze von Jesus und den zwei Schächern hoch empor in den (oft bewölkten) bretonischen Himmel. Weil der harte Granit naturgemäß sehr schwer zu bearbeiten ist, sind die Figuren meist sehr einfach, aber dennoch ausdrucksstark ausgeführt.

 

Wir haben uns vorgenommen, zwei der bekanntesten Calvairs zu besuchen. Zuerst parken wir gleich in der Nähe des Pfarrhofs von St. Thegonnec. Der Ort ist nach einem walisischen Mönch benannt. Was uns zuerst auffällt, ist die absolute Menschenleere auf den Straßen. Der Himmel ist zwar wolkenverhangen, aber es regnet nicht einmal. Ist ein Meteorit angekündigt? Haben wir etwas in den Nachrichten versäumt? Aber wir werden es gleich später am Tag auch in Gumiliau bemerken – tote Hose in den Pfarrbezirken!

Dafür herrscht auf dem Calvair drangvolle Enge. Vierzig Figuren drängen sich auf dem Sockel, der zwar schmal gebaut, dafür hoch aufragend ist. Die Kreuzigungsszene befindet sich auf drei hohen, schmalen Säulen weit über unseren Köpfen. Prunkvoller ist das Triumphtor, das wir durchschreiten mussten, um in den umfriedeten Bereich zu gelangen. Einzig aus dem Beinhaus, das als Souvenir- und Devotionalienladen zweckentfremdet wurde, beobachtet uns der Verkäufer misstrauisch. Wir müssen ihn enttäuschen, wir haben unseren Obulus im Cafe gegenüber des Eingangsportal entrichtet …

 

Auch in Guimiliau haben wir keinerlei Probleme, einen Parkplatz gleich gegenüber des Pfarrbezirks zu finden. Auch hier dasselbe Bild: die Fassaden der Steinhäuser in den Gassen zwar romantisch blumengeschmückt, aber menschenleer, ebenso der Innenhof vor der Kirche. Lediglich ein Kleinkind krabbelt in der Wiese, ganz in ein stilles Spiel vertieft. Eltern sind keine zu sehen, sie kommen aber wenig späte aus der Kirche und verlassen das Areal. So sind wir alleine und haben genug Muse, den Calvair zu betrachten, zwar nur der zweitgrößte in der Bretagne, aber mit 200 Figuren der „belebteste“. Er stammt aus dem 15ten Jahrhundert und ist damit beträchtlich älter als der aus dem 17ten Jhdt. von St. Thegonnec . Aus der Figurengruppe ragt nur eine Säule empor, auf dem das Kreuz steht. Die Kirche St. Miliau dahinter wurde später erbaut als der Calvair, sie ist zweischiffig erbaut und breit, aber sehr niedrig. Gleich zwei Altäre im Barockstil schmücken die Renaissancehalle. Wie in den meisten Kirchen der Bretagne ist sie überreich mit Holzschnitzereien ausgestattet, besonders der Predigtstuhl und das Taufbecken fallen uns ins Auge.

Eigentlich wollten wir es bei dem Besuch von zwei Enclose Parroissiaux’s belassen, bei einem dritten kommen wir aber zufällig vorbei. In Pleyben fahren wir direkt am Pfarrbezirk vorbei, der größer als die beiden anderen zusammen ist. Er steht inmitten eines großen, gepflasterten Platzes mit einem Parkplatz, den wir sowieso ansteuern müssen, weil wir noch etwas anderes entdeckt haben: eine Schokoladenfabrik, die in einem kleinen Laden Bruchstücke zur Verkostung und zum Kauf anbietet. Eine Versuchung, der wir uns hemmungslos hingeben und dabei die Melancholie vergessen, die uns beim Anblick der tief trauernden Figuren auf dem Calvair befallen hat!


Huelgoat

Etwas lebhafter geht es im Sommerfrischeort Huelgoat zu. Die Cafes sind voll, die Leute sitzen und genießen die wiedergekehrte Sonne, Cider und Crepes. Letztere sind dünne Pfannkuchen, Omeletts, die es in verschiedenen Geschmacks-richtungen gibt: süß oder sauer, mit Marmelade, Nüssen oder Schinken, Ei, Käse und sogar mit Muscheln und anderen Meeresfrüchten! So gestärkt brechen wir zu unserer Wanderung in den Foret de Huelgoat auf, der ebenso wie der von Paimpont ein Überrest des alten Broceliande ist. Daher erzählt man sich hier die gleichen Geschichten von Merlin und den Rittern der Tafelrunde, von denen auch einige hier begraben liegen sollen. Noch heute soll bei Morgennebel die Fee Dahud durchs Gelände huschen, auf der Suche nach Liebhabern, die sie anschließend in eine tiefe Schlucht stößt. Vor der Teufelsgrotte sollen 99 hübsche Mädchen vorbei kommende Ritter mit süßem Wein becirct und sie dann für ewig in der Grotte eingesperrt haben. Weiters der Wackelstein, ein Liebespfad, und der Silberfluss erinnert daran, dass früher Edelmetall abgebaut wurde.

Auch ohne die alten Sagen gerät die Wanderung zu einem pittoresken Erlebnis, dafür sorgt die eigenartige Topografie des Waldes. Die Wege führen nämlich durch unzählige verstreut herumliegende Felsbrocken in Hausgröße, man könnte meinen, ein herumstreunendes Riesenbaby hätte hier einen Sack voll Riesenmurmeln verloren! Dazu kommt noch, dass die Felsen allesamt mit Moss überwuchert sind, und Bäume scheinen direkt aus dem Stein herauszuwachsen! Eine unheimliche Gegend, die Sonnenstrahlen, die wie durch das Laub der Bäume gefiltert nur spärlich den Weg beleuchten, tun ein ihres dazu. Wir müssen daran denken, dass in dieser Gegend der „Ankou“ sein Unwesen treibt, der bretonische Sensenmann, der mit seinem quietschenden Karren umherzieht und verlorene Seelen einsammelt. Zum Glück kommt der aber nur nachts, und dient vermutlich hauptsächlich dazu, um unfolgsame Kinder zu erschrecken.

 

 


Locronan

Je näher wir der Küste kommen, desto mehr Menschen, aber auch andere Reisende treffen wir. Besonders ausgeprägt ist der Tourismus im kleinen Mittelalterstädtchen Locronan. Hier dürfen nur Einheimische in den Ort einfahren, Besucher werden auf einen von mehreren Parkplätzen verbannt. Dort werden sie mit einem Parkschein beklebt, der gleich fürs ganze Jahr gilt! Das relativiert zwar die Höhe der Parkgebühr, ist für einen, der nur zu einem einmaligen Besuch gekommen ist, dennoch schmerzhaft. Wir haben Glück, wir haben in der Nähe eine Ferienwohnung auf einem abgelegenen Bauernhof gemietet und kommen eben mehrmals!

Ganz egal, von welcher Seite man Locronan betritt, man glaubt sich sofort um ein paar Jahrhunderte zurückversetzt. Einziger Hinweis auf die Gegenwart sind ein paar Werbeschilder auf den Häusern und das eine oder andere Auto davor. Der Name bedeutet „Einsiedelei des Ronan“ und erinnert an den heiligen Ronan, der zwischen 6ten und 9ten Jahrhundert aus Irland hierherkam, und angeblich die Einheimischen das Weben gelehrt haben soll. Mit der Herstellung von feinem Tuch begründete sich auch der Reichtum des kleinen Städtchens, in dem auch heute noch nicht mehr als knapp 1000 Einwohner leben. Nach dem heiligen Ronan ist auch die Kirche benannt, die völlig zentral sich aus einem Platz erhebt, der ausschließlich von Granitsteinhäusern umgeben ist. Auch ihr Inneres ist mit wertvollen und künstlerischen Holzarbeiten ausgestattet. Interessanter ist aber das Granitgrabmal des heiligen Ronan: als Halbrelief abgebildet ruht seine Statue auf einer Platte, die von sechs Säulen in Form von Engeln getragen wird. Eine Legende besagt, dass Frauen, die auf allen Vieren unter dem Grabmal durchrutschen, mit baldigem Kindersegen rechnen dürfen. Wir bemerken, dass sich unter den Durchkriechenden auch einige nicht mehr ganz jugendliche, schon sehr weißhaarige Damen befinden. Wenn es tatsächlich bei denen noch einschlägt, dann war der gute Ronan wirklich ein wahrer Wunderwuzi!

Eine Miniatur des Ronan kann man zusammen mit denen anderer Heiliger, Engeln und Marienstatuen bei einem Devotionalienhändler direkt am Kirchenplatz kaufen, der seine buntbemalte Ware aus Holz des schönen Wetters wegen einfach ins Freie vor den Laden verfrachtet hat. Viele weiter kleine Läden in der Umgebung bieten Antiquitäten, Souvenirs, Kunsthandwerksstücke, natürlich Segeltuch, aber auch Bier, Wein und Spirituosen an. Auf ausgestellten Postkarten kann man erkennen, dass in der Sommersaison hier sicherlich ein ganz anderer Andrang herrscht als bei unserem Besuch im Juni! Wir haben jedenfalls keine Mühe, einen Platz in einem Cafe zu finden, das auf dem Kirchplatz ein paar Tische und Stühle aufgestellt hat. Am Nebentisch nimmt ein Einheimischer Platz, der aus dem Korb des Fahrrads, das er gerade an einer Hauswand angelehnt hat, einen jungen Raben herausholt. Er dürfte beim Personal bekannt sein, denn kaum hat er Platz genommen und den Vogel auf dem Tisch abgesetzt, wird ihm schon eine Flasche Wein und ein Glas Wasser serviert. Mit einer kleinen Spritze füttert er den Raben mit dem Wasser aus dem Glas. Wir hoffen, dass es Wasser ist, weil das schwarze Federvieh nach dem Trinken einen heftigen Veitstanz aufführt!

 

Den Abend verbringen wir in einer kleinen Bar, die sich Sportcafe nennt. Im Fernsehen wird gerade ein Fußball Europameisterschaftsspiel übertragen, bei dem sich die Franzosen nicht gerade mit Ruhm bekleckern und überraschend frühzeitig ausscheiden. Die Einheimischen nehmen es gelassen, überhaupt ist uns aufgefallen, dass kaum einer das Spiel beobachtet hat. Ich frage Yannick, den glatzköpfigen Besitzer und gleichzeitig Kellner des Cafes nach dem Desinteressiere. „warum sollte es uns interessieren“ klärt mich Yannick auf „wir spielen ja nicht mit“. Die Bretonen selbst sehen sich nämlich keinesfalls als Franzosen, und das Nationalbewusstsein wächst weiter. Hatte die Französische Sprache das bretonische schon beinahe völlig verdrängt, sprechen heute über eine halbe Millionen wieder den alten Dialekt. Bretonisch wird im Schulunterreicht als Wahlfach angeboten, auch viele Ortstafeln sind zweisprachig angeschrieben. Das Bretonische ist eine Form des Britannisch/Keltischen, man findet es in vielen Bezeichnungen wieder. So heißt der Fluss „Aven“, der Wald „Coat“, ein Dorf „Ker“ und ein Fels „Roc’h“.

 


Die Westküste

„Beg“ heißt ein Kap. „Beg ar Penhir“ heißt das Kap, das auf unserer Karte als „Pointe de Penhir“ ausgewiesen ist. Wir erreichen hier nach unserer Fahrt quer durch das Land erstmals das Meer, sehen tief hinunter von den Klippen, stemmen uns dem heftig anbrüllenden Atlantikwind entgegen und spüren das Salz auf unseren Lippen. Die Pointe de PenHir sind mit einer Höhe von 70 Metern die höchsten Klippen auf der Halbinsel Crozon ganz im Westen der Bretagne. Hier treffen wir auch die Fee Dahud wieder, der wir schon im Wald von Huelgoat begegnet sind. Sie ist die Tochter des Königs Gradlon, dessen Reich Ys hier unterhalb der Halbinsel in der Bucht von Duarnenez lag. Jede Nacht verführte die Schöne einen Liebeshungrigen, um ihn anschließend zu ermorden und in eine Schlucht zu werfen – bis eines Tages der Teufel ihr Liebhaber war. Er nahm ihr den goldenen Schlüssel, mit dem man die Schleusentore öffnen konnte, woraufhin Ys in den Fluten versank. Dahud ertrank wie ihr Vater und alle anderen Bewohner, treibt seitdem aber als Meerjungfrau ihr Unwesen, und schwimmt jede Nacht durch einen unterirdischen Fluss zurück in den Wald von Huelgoat.

Auch um die „Tas de Pois“, drei gewaltige Felsen, die „Erbsenhaufen“ genannt werden, ranken sich Sagen. Sie ragen vor dem Kap aus dem Meer, der Teufel persönlich soll sie ins Wasser geworfen haben. Es ist unmöglich, diese Felsen zu erreichen, nur riesige Seemöven bevölkern sie in Maßen. Eine dieser Segler ist außer uns der einzige Besucher am Cap an diesem Tag. Sie ist eher neugierig als scheu, hat sich ganz in unserer Nähe auf einem Stein niedergelassen, und so beobachten wir uns gegenseitig aus nächster Nähe.

Wir verabschieden uns aber bald, denn wir wollen noch andere Klippen besuchen. Vorbei an Duarnenez und dem kleinen, romantisch auf einem Hügel gelegenen Pont Croix erreichen wir das Cap Sizun bzw. die Klippen Point du Van. Oberhalb der Klippen steht eine kleine Kapelle mit Namen St. They. Hier haben früher die Frauen der Fischer um gnädige Winde, einen reichen Fang und gesunde Rückkehr ihrer Männer gebetet. Für letzteres sollten auch die Leuchttürme sorgen, die man rund um die Bretagne vorfindet. Auf jeder Klippe, jedem Riff, jeder Untiefe wurde einer errichtet. Zwischen 20 und 80 Meter hoch sind diese runden Bauten aus Stein, die bei hohem Wellengang trotzdem nahezu vom Meer verschluckt werden, wie man auf Postkarten und Postern in den Souvenirläden sehen kann. Trotzdem kam es immer wieder zu Unfällen. Die letzte Katastrophe geschah 1978, als der Riesentanker Amoco Cadiz auf einen bis dahin unbekannten Felsen auflief und versank. Anderthalb Millionen Barrel Rohöl liefen damals ins Meer und verschmutzen die Küste, tausende Vögel verendeten, ebensovile Fischer sahen ihre Existenz gefährdet. Es hat lange gedauert, bis die Schäden beseitigt wurden und die Versicherungen bezahlt haben …

Das alles erfahren wir im Informationszentrum an der Pointe Du Raz. Dort hören wir auch vom Leben der Leuchtturmwärter, das wenig Romantisches zu bieten hatte. Mit Körben wurden sie von Schiffen aus auf den Felsen hinüber geseilt, wo sie jeweils 20 Tage Dienst tun mussten. Immer 2 Mann teilten sich in 6 Stunden Schichten, hatten also nie Gelegenheit, auch nur ein kurzes Schwätzchen zu halten, denn von ihrer Wachsamkeit hing das Leben von vielen Seeleuten ab. 2004 wurden die letzten Leuchtturmwärter in Pension geschickt, seitdem ist alles elektrisch gesteuert und vollautomatisiert.

Vom Zentrum geht man ca. einen Kilometer durch steiniges, unfruchtbares Gelände zu den 72 Meter hohen Klippen. Früher war die Gegend von einer dünnen Schicht Erde und spärlicher Vegetation bedeckt, die unzähligen Touristen, die im Sommer hier herumlaufen, haben aber alles zertrampelt. Deswegen darf man jetzt nur mehr auf abgesperrten Wegen wandern und die Klippen nur mehr in der Nähe des modernen Leuchtturms betreten, der die zwei Urahnen abgelöst haben, die wir auch vom benachbarten Pointe du Van aus schon gesehen haben. Erst hier auf der Klippe spürt man die immense Kraft des Windes so richtig, gnadenlos zerrt er an der Kleidung, prüft die Standhaftigkeit seiner Opfer, traktiert sie mit feinen Nadelstichen, die in Wirklichkeit nur Wasserspritzer sind. Wie muss es da erst bei Sturm sein, kann man dem Wüten des Windes überhaupt standhalten?

 

Hier am Cap Sizun endet unsere Fahrt quer durch die Bretagne, aber es beginnen unsere Ausflugsfahrten an die Nord- und Ostküste, an Badestrände und weitere Felsküsten, zu den Alignements von Carnac, in historische Städte wie Quimper und Morlaix – genug Stoff für eine andere Geschichte, ein anderes mal.

   

Text und Fotos: Hannes Denzel

   
 
 

HOAMAT

NOSTALGIE