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| Wenn man durch
den schmalen Kanal unterhalb des Fort St. Elmo
vom freien Meer kommend in den „Grand
Harbour“ Valettas, der Hauptstadt von
Malta, einbiegt, zieht jeder Passagier unwillkürlich
den Kopf zwischen die Schultern. Aber kein Soldat
zielt vom respekteinflössenden Mauerwerk
herunter, keine Kanone richtet sich auf das
Ausflugsboot, nur die Sonne brennt wohltuend
warm vom blauen Himmel – obwohl wir bereits
Mitte November schreiben.
Die Geschichten, die uns Ausflüglern
mittels Lautsprecher erzählt werden, sind
schuld an diesem Respekt. Geschichten über
Kriege und Belagerungen, Geschichten voller
Blut und Opfern, die Geschichte Valettas und
des Malteserordens.
Wir hören die Geschichten
in Deutsch, einer in Malta sonst wenig benutzten
Sprache, den die meisten Touristen kommen aus
der einstigen Kolonialmacht England. Aber wir
haben uns in Sliema, dem am Nordwestlichen Ufer
der Bucht gelegenen Nachbarort Valettas mit
Captain Morgan zufällig einen Anbieter
für diese zweistündige Rundfahrt gesucht,
der seine Ansagen neben Englisch auch in Deutsch
durchgibt. Das Chartern war ganz einfach: an
der Hafenmauer war ein Stand, dort kauften wir
Tickets (der junge Verkäufer bestritt auf
meine Frage ganz energisch, selbst Captain Morgan
zu sein), zeigten diese an der Gangway dem Kapitän
(war auch nicht Captain Morgan) und suchten
uns einen Platz am Oberdeck mit guter Aussicht.
Die Erwartung eines Captain Morgans Begrüßungstrunk
wurde zwar enttäuscht, dafür merkten
wir bald, dass wir unsere Pullover trotz Seeluft
und Fahrtwind umsonst mitgenommen hatten –
kurzärmelige T-Shirts waren mehr als ausreichend.
Die Fahrtroute konnten wir den
aufliegenden Prospekten entnehmen, wo auch ein
Plan der Bucht abgebildet war. Man muss sich
diese als natürlich entstandenes, kreisrundes
Becken vorstellen, dass von einer Halbinsel,
auf der Valetta liegt, in zwei Hälften
geteilt wird. An der westlichen Hälfte
liegt der geschäftige Ferienort Sliema,
erst vor knapp 100 Jahren entstanden, hier haben
alle Ausflugschiffe ihren Liegeplatz. Die östliche
Hälfte wird von drei weiteren Halbinseln
quer unterteilt, hier befinden sich die „Three
Cities“, die drei Städte Birgu, L’Isla
und Bormia, die alle sogar noch älter als
Valetta sind.
Fotos:
ganz oben:"der Grand
Harbour" von Birgu aus gesehen.
rechts oben: das Fort Manoel
im Marsaxmett Hafen
darunter: der Royal Yachtclub
von Malta
unten: Valetta von Sliema
aus gesehen
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Unsere erste Etappe
führte uns rund um die mitten in der Bucht
liegende Manoel Insel mit dem trutzigen Fort
Manoel und dem königlich maltesischen Yachtclub.
An der Insel vorbei stoßen wir tiefer
in den Marsamxett Hafen (wird „Marsamschett
ausgesprochen) vor, wo sich der Yachthafen an
Yachthafen reiht, dominiert von großmastigen
Hochsee-Segelyachten, zwischen denen Fischer
in kleinen Einmannbooten herum dümpeln.
Martialischer geht es unterhalb
der Bastion zu, hier hat die maltesische Marineflotte
ihre Heimat: wir zählen ein Kanonenboot,
zwei Aufklärungsschiffe und ein paar kleinere
Fregatten. Die Matrosen an Bord schauen gar
nicht kriegerisch aus, und auch fotografiert
zu werden scheinen sie gewohnt zu sein. Weiter
geht es jetzt an der Ostflanke Valettas entlang.
An den hoch aufragenden Häuserflanken entdecken
wir die ersten der vorstehenden Holzerker, für
die Maltas Häuser berühmt sind. Und
wir können durch Einblicke in die Häuserschluchten
erkennen, dass die Hauptstadt auf dem Reißbrett
entstanden ist, die Straßen streng geometrisch
angeordnet sind, und alle Querstraßen
steil nach oben auf den Rücken des Felsens
zustreben. Der höchste Punkt sind zwei
Kirchtürme, der schlanke der St. Pauls
Kathedrale schient vom mächtigen Kuppelgewölbe
der „Our Lady of Mount Carmel“ Kirche
weit überragt zu werden, in Wirklichkeit
sind aber beide exakt gleich hoch.
Wir verlassen die Bucht und fahren
kurz aufs offene Meer hinaus, wo gerade ein
Katamaran den Grand Harbour ansteuert. Insgesamt
drei dieser Hochgeschwindigkeitsboote gibt es
auf Malta, sie werden für Tagesausflüge
nach Catania benutzt. Die Jean de la Valette
ist die größte unter den drei Fährschiffen.
Nur 90 Minuten braucht sie für die 90 Kilometer
Überfahrt nach Sizilien! Da kann es –
speziell bei Schlechtwetter und rauer See –
für wenig seefeste Passagiere schon ziemlich
ungemütlich werden. Deshalb werden gleich
nach der Abfahrt Pillen gegen die Seekrankheit
verteilt, und „Kotztüten“ gehören
ebenso wie Rettungsringe ohnehin zur Standardausrüstung.
Ungemütlich muss es auch
immer wieder im Fort St. Elmo zugegangen sein.
Als wir unterhalb des massiven Festungsbaus
die Einfahrt in den Grand Harbour passieren,
kommen wir an einem hoch aufragenden, völlig
verrosteten Eisenpoller vorbei. Die Stimme aus
dem Lautsprecher (die übrigens auch nicht
Captain Morgan gehört, wir fragen uns bereits,
ob‘s den überhaupt gibt) klärt
uns auf, dass der Poller früher einmal
der Pfeiler einer Brücke war, die das Fort
mit dem quer vor der Bucht gebauten Wellenbrecher
war. Während des zweiten Weltkriegs verfing
sich ein heimlich in den Hafen einlaufendes
italienisches Einmann U-Boot, vollgestopft mit
Sprengstoff, in den unter der Brücke verlegten
Kabelsträngen und explodierte. Die Detonation
war so heftig, dass die Brücke darüber
vollständig zerstört wurde, einzig
der Poller überlebte das Desaster.
links: Die Fähre aus
Silzilien läuft ein / der Fischer an der
Hafenmole wartet auf Beute, die Katze wird ihm
beim Ausnehmen hilflreich zur Seite stehen ... |

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In der Zeit von 1940 bis `42
stand das Gebiet um Valetta unter Dauerbeschuss
der deutschen Luftwaffe, denn die britische
Marine hatte dort ihre Mittelmeerflotte stationiert.
Nur drei Flugzeuge standen den britischen verbänden
auf Malta zur Verteidigung zur Verfügung!
Für den Heldenmut der maltesischen Bevölkerung
bedankte sich Großbritannien und entließ
Malta in die Unabhängigkeit. Malta war
ja seit 1800 britische Kronkolonie. Die Malteser
selbst hatten die Engländer zu Hilfe gerufen,
um die Insel von der Herrschaft Napoleons zu
befreien, der 1798 die Insel eingenommen hatte,
ohne einen Schuss abgeben zu müssen. Die
Kapitulation des maltesischen Ritter beendete
die Vorherrschaft des Malteserordens, sie mussten
die Insel verlassen und ins Exil nach St. Petersburg
gehen. Dieser geschichtliche Exkurs führt
uns wieder zurück zum Fort St. Elmo, das
ja ebenso wie die meisten Gebäude in und
um Valetta von ehemaligen Kreuzrittern des Johanniterordens
errichtet worden. Diese waren 1291 aus dem Heiligen
Land vertrieben worden und hatten sich auf Rhodos
ihr Herrschaftsgebiet errichtet. 1522 fielen
dort die Osmanen ein und vertreiben nach sechsmonatiger
Belagerung die Kreuzritter. Der spanische Kaiser
Karl V überschrieb dem Orden die Mittelmeerinsel
als Lehen. Weil die türkischen Osmanen
zu dieser Zeit das gesamte Mittelmeer und Nordafrika
in ihrer Hand hatten, begannen die Ritter, die
sich nach ihrem neuen Wohnsitz jetzt Malteserritter
nannten, zuerst mit dem Bau von Festigungsanlage
rund um die gut geschützte Bucht. An der
Nordspitze des Monte Sciberras, wie der die
Bucht teilende Felsen ursprünglich hieß,
entstand die wuchtigste Festung, eben St. Elmo. |
oben: das Fort St. Elmo
/ unten: Valetta

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oben: kleinere Frachter
vor Valetta / Balkon einer "Sozialwohnung"
/ die "Siege Bell vor
dem unteren Baraccagarten
1565 landeten türkische Janitscharenverbände
tatsächlich auf Malta, kamen aber von Süden
her und setzten sich auf dem Monte Sciberras
oberhalb des Forts fest. Um die heutigen drei
Städte an der Ostseite der Bucht zu entlasten,
setzten sich die Malteserritter unter Führung
des damaligen Großmeisters Jean de la
Valetta im Fort so lange zur Wehr, bis dieses
völlig zerstört war. Gerade rechtzeitig
kamen Entsatzverbände aus Sizilien, um
die geschwächten Osmanen zum Abzug zu bewegen.
In der Seeschlacht bei Lepanto besiegten die
Malteserritter mit Hilfe spanischer und venezianischer
Flottenverbände die Türken endgültig.
Malta blieb unbesetzt bis zur Ankunft Napoleons.
Jean de la Valette verstarb schon 1568, er erlebte
die Fertigstellung der neuen stark befestigten
Hauptstadt auf dem Monte Sciberras nicht mehr.
Er hatte sie geplant und ihren Bau angeordnet,
deshalb wurde sie auch nach ihm benannt. |
So weit also die Geschichte
zur Entstehung der Stadt Valetta, an deren Westflanke
wir gerade entlang tuckern. Es ist schwer, sich
hier der Vergangenheit zu entziehen, denn obwohl
die Stadt im zweiten Weltkrieg schweren Angriffen
ausgesetzt war, präsentiert sie sich dem
Betrachter immer noch, wie sie schon vor 400
Jahren ausgesehen haben muss, sogar das Fort
St. Elmo musste kaum modernen Bedürfnissen
angepasst werden. Über uns sehen wir die
Fensterbogen in der Einfassungsmauer des unteren
Baraccagartens, von wo man einen schönen
Blick über das Hafengeländegenießen
kann, davor die Siege Bell, eine große
Glocke, die in einem Art Pavillon hängt
und jeden Mittag Punkt zwölf zur Erinnerung
an die Osmanenbelagerung geläutet wird.
Bei einem Besuch hat Queen Elisabeth höchstselbst
am Strang gezogen! Weiter voraus erkennen wir
schon die oberen Baraccagärten, ebenfalls
mit aussichtsplattform, etwas unterhalb eine
Galerie alter Kanonen, die allerdings nicht
kriegerischen Zwecken dienen, sondern zu Salutschüssen
bei Empfängen benutzt werden. |
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ganz oben: trotz des schlechten, rostigen Zustands vieler
Fachter ist das Wasser in der Bucht sehr sauber
darunter: die von Rotchina
finanzierten Kräne dominieren die Skyline
links die moderne Werft für
die Reparatur von Luxusyachten
In die moderne Gegenwart holt
uns der Anblick eines Wasserflugzeugs zurück,
das allerdings auch schon ein paar Jährchen
auf en Kufen hat. Es macht sich gerade zum Starten,
fährt langsam Richtung Hafenmitte, nimmt
Anlauf, und schon nach wenigen Metern erhebt
es sich hoch und zieht über den Wellenbrecher
in den Himmel. An Bord sind sicher ein paar
glückliche Touristen, denn diesen Flieger
kann man chartern, um den Blick von oben auf
das Areal zu genießen, das übrigens
von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestuft
wurde. Der Flug ist nicht einmal sonderlich
teuer, allerdings dauert er auch nicht lange,
denn knapp 15 Minuten später können
wir schon wieder bei der Landung zusehen.
unten: das Fort auf L‘Isla
und der Aussichtstum Vedette mit den Augen u.
Ohren
darunter: das Wasserflugzeug
und die Wellenbrecher, die die Bucht vor den
Gezeiten schützen
ganz unten: Birgu, Sliema
mit dem (Ausflugsschiff davor) und der Dockyard
Canal |

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Da sind wir bereits
im neueren Teil des Hafens angelangt, wo anstelle
der Kriegsschiffe jetzt Fracht- und Tankschiffe
be- und entladen werden, und wo gerade LKWs
auf die Autofähre rollen, die einen Brückenschlag
zwischen Malta und dem europäischen Festland,
sprich Sizilien, herstellt. Der Grand Harbour
ist ja ideal für den Frachtverkehr, weil
das Hafenbecken sehr tief und weit ist. Auch
die allergrößten Tankfrachter können
hier am Dockyard Canal anlegen. Riesige, weit
in den Himmel ragende Kräne kümmern
sich um die Lasten, ihre Steuerkabinen sind
groß wie Mietshäuser. Sie wurden
übrigens von der chinesischen Regierung
bezahlt und aufgestellt, als Dank dafür,
dass Malta das erste europäische Land war,
das Handelsbeziehungen mit Rotchina aufnahm.
Ganz am Ende des Kanals ist ein Tunnelähnliches
Gebäude errichtet worden, dass vor der
historischen Fassade der drei Städte völlig
unpassend scheint. Es handelt sich um eine Werft,
in der die größten und teuersten
Privatyachten repariert und instand gehalten
werden.
Beim Umrunden von L‘Isla kehren wir zurück
in die Vergangenheit. L’Isla ist die mittlere
der „Drei Städte“, ursprünglich
Fischerdörfer, die vor der Errichtung von
Valetta zum Standpunkt des Johanniterordens
ausgebaut worden waren. Nach dem Umzug der Ritter
wohnten hier Seeleute, Lastenträger usw.,
heute sind in den historischen Wohngebäuden
Sozialwohnungen untergebracht. Wir können
nicht erkennen, wie die Wohnräume von innen
aussehen, die Aussicht von den Balkonen über
den Hafen muss jedenfalls toll sein. Die Städte
tragen heute wieder ihre ursprünglichen
Namen (Birgu, Bormla und L’Isla), nach
der großen Belagerung wurden sie in Vittoriosa
(die Siegreiche), Cospicua (die Bemerkenswerte)
und Senglea (nach dem Großmeister Claude
de la Sengle) umbenannt. Birgu und L’Isla
liegen wie Valetta auf einer in die Bucht ragenden
Landzunge, an deren Spitze sich jeweils ein
die Bucht beschützendes Fort befindet.
Alle historischen Gebäude aufzuzählen,
die sich entlang der Hafenmole aneinanderreihen,
würde hier den Platz sprengen, es befinden
sich darunter Museen, ehemalige Krankenstationen,
Paläste, Regierungsgebäude, und, wie
überall auf Malta, viele Kirchen. Bemerkenswert
sind die Aussichtstürme an den Spitzen
der Forts, an denen reliefartige Augen und Ohren
angebracht sind. Sie sollen die ständige
Wachsamkeit der Malteserritter im Dienst der
Kirche (dargestellt durch einen Pelikan?)verdeutlichen.
Zwischen den Landzungen wieder ein Yachthafen,
worin allerdings deutlich kleinere Boote vor
Anker liegen.
Voller Eindrücke nähert sich unsere
Fahrt ihrem Ende. Am Fort St. Elmo vorbei verlassen
wir den Grand Harbour, und kehren auf derselben
Strecke wieder zurück nach Sliema. In einer
der vielen Hafenkneipen wollen wir versuchen
Captain Morgan aufzuspüren – wenn
auch nur in flüssiger Form – und
beschließen, natürlich auch der Stadt
selbst einen Besuch abzustatten. Dazu beim nächsten
mal mehr.
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Text
und Fotos: Hannes Denzel
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